Vortrag mit Power Point-Präsentation von Anne Swalski anlässlich des
Gedenkkolloquiums für Herrn Prof. Dr. Helmut Alexander am 10. Juli 2010
Hörsaal III der Physikalischen Institute der Universität zu Köln, Zülpicher Platz 77, 50937 Köln. Ausgerichtet von Herrn Dr. Helmut Gottschalk, Mitarbeiter des Instituts.
Verehrte Frau Alexander, verehrte Damen und Herren,
Wenn jemand, der Landschaften liebt, zum Maler wird, der wird aller Wahrscheinlichkeit nach Landschaften malen, und wenn jemand die alltäglichen Dinge des Lebens zur Kunst erheben will – wie Karaffe, Tischdecke oder Obst -, der malt Stillleben. Da ich zur Malerin geworden bin, male ich ebenso dies, was mich berührt.
Was mich berührt ist eine Wirklichkeit, die sich hinter der mit unserem unbedarften Auge wahrnehmbaren Welt verbirgt. Von diesem Pult hier, wovor ich stehe, sehen wir Formen und Farben, und meine Finger tasten eine gewisse Glätte und auch Härte, aber dieses Pult besteht aus Atomen und Molekülen. Dieser Teil der Wirklichkeit ist nur im wissenschaftlichen Tun mit Hilfe von Apparaturen und anderem Instrumentarium zugänglich. – Da die Kunst frei ist, darf ich, was von Ihnen, den tätigen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen offenbar gemacht worden ist, künstlerisch bearbeiten. Ich bin nicht die erste, die beispielsweise elektromagnetische Potentiale malt, aber durchaus eine von wenigen.
Bild 1 – Ätzgrübchen I. Die Ätzgrübchen, die Sie im
ersten Bild sehen, präsentiere ich Ihnen als Pyramiden. Da das untergründige Gelb auf dem Farbkreis gegen – über dem Blau – Grün der Pyramiden liegt, kommt hier eine Distanz zustande, so dass die Pyramiden sich wie Flugkörper in dem Bild bewegen und zu schweben scheinen. Der Eindruck der Bewegung ist für ein Bild nicht ungünstig, da unser Auge von Bewegung angezogen wird. Ein altes Erbe in unseren Genen. Ich hatte seinerzeit – 1983 – bei Professor Alexander die Aktivierungsenergien für die Bewegung von Versetzungen in Silizium nach der Ätzgrübchenmethode bestimmt. Ein Kristall wurde angeritzt, um eine Versetzungsbewegung zu initiieren, und dann unter Temperatur und Druck verformt.
Die nächsten 3 Bilder sind aus meiner Diplomarbeit.

Bild 2 – Schematische Zeichnung. Hier erkennen Sie
eine schematische Zeichnung; es ist eine Versetzungskonfiguration um einen Härteeindruck. Sie sehen dort die 5 Ebenen eingezeichnet, auf denen die Versetzungsbewegung mit unterschiedlichen Anregungsenergien passiert.

Bild 4 – Typische Meßbereiche. Im 3. Bild sehen Sie
die Meßbereiche vergrößert. Und diese Vergrößerun-
gen habe ich zum Ausgangspunkt meiner Ätzgrübchenbilder gemacht. Ätzgrübchen anzusehen gab es in der Metallphysik übrigens nicht nur von Silizium-Oberflächen, sondern auch von Germanium und Gallium-Arsenid.

Bild 4 – Typische Meßbereiche. Im 3. Bild sehen Sie
die Meßbereiche vergrößert. Und diese Vergrößerun-
gen habe ich zum Ausgangspunkt meiner Ätzgrübchenbilder gemacht. Ätzgrübchen anzusehen gab es in der Metallphysik übrigens nicht nur von Silizium-Oberflächen, sondern auch von Germanium und Gallium-Arsenid.

Bild 5 – Ätzgrübchen II. Am folgenden Bild erläutere
ich Ihnen die künstlerische Bearbeitung in 4 Punkten.
1. Ich erwähnte schon, dass Bewegung für das Auge
einen Reiz bedeutet, daher habe ich hier den dar-
zustellenden Gegenstand in eine Dymanik gefasst,
die durch die Fast-Diagonale – der violette Streifen –
ausgelöst wird. 2. Die Wahl der dominanten Farben Rot und Grün, die das Bild teilen, unterstreichen als Gegensatzpaar die Dynamik und bestätigen dadurch die Bewegung. 3. Die Verbindung der Farben Rot-Orange, Grün und Violett ergeben auf dem Farbkreis ein gleichschenkliges Dreieck. Dieses wird – wie in der Musik – Dreiklang genannt und als harmonisch empfunden. Und 4. schließlich sammeln sich die 3 größten Ätzgrübchen – hier als Trapezo-Eder dargestellt – im unteren Drittel des Bildes und betonnen damit den ebenfalls als harmonisch empfundenen „Goldenen Schnitt“. Zur Erinnerung: Wenn Sie eine Fläche senkrecht und waagerecht dritteln, dann kommen Sie etwa auf den Goldenen Schnitt.

Bild 6 – Das Gerüst. Das folgende Bild – nicht mehr
aus diesem Institut angeregt – ist ebenfalls die Oberfläche eines angeätzten Metalls. Nach den Bemerkungen von eben werden Sie gleich die Betonung des Goldenen Schnitts im unteren Drittel erkennen und die dynamisch wirkende diagonal angelegte Wolke. Die Wahl der ruhigen Farben Blau, Weiß und Grau hat dieses Gebilde zu einer Art „Gerüst“ gemacht, das in den Himmel ragt. Die Ansicht von Wolken führt von der Erde weg, und das ist die in dem Betrachter angeregte Bewegung im Bild.

Die nächsten 4 Bilder werden Sie mit Archetypen bekannt machen.
Mein Beschäftigung mit den psychologisch definierten Archetypen – ein Steckenpferd von mir – haben mich zu weiteren Bildern aus der Naturwissenschaft inspiriert. Ein Archetyp ist nach dem Schweizer Psychologen C.G. Jung ein Verhaltensmuster. Und zwar verhalten sich nicht nur Menschen nach bestimmten Mustern (Archetypen des Vaters, der Mutter etc.), welche aus dem kollektiven Unbewussten gezogen werden, sondern auch Naturvorgänge.
Bild 7 – Zweierbeziehung. In dem ersten der 4
Bilder habe ich Kurven bearbeitet, die in meinen
Bildern – offen oder verdeckt – immer wieder vor-
kommen. Die Funktion, die zum Beispiel das Entladen eines Kondensators beschreibt, findet sich
auch als Beschreibung des Wachstums eines Baumes wieder: erst schnell, dann langsam.

Bild 8 – Rote Kammern. Als zweites – sehr stilisiertes – archetypisches Bild sehen Sie in den Roten Kammern. Die Kammern stellen zum Beispiel die Hohlräume in den Kristallen dar oder die in bröckeligen Keramiken, durch die Verunreinigungen oder Luftteilchen diffundieren. Die Kugeln könnten auch Samen sein, die sich durch den Blüten-Stempel einer Pflanze ihren Weg bahnen.

Bild 9 – Wellen II. Dieses Beispiel archetypischen
Verhaltens habe ich in einem populärwissenschaftlichen Buch zur Chaos-Theorie gefunden. Die Ringquellen stellen eine Momentaufnahme einer sich vielfach wiederholenden chemischen Reaktion dar. Ein ganz ähnliches Bild entsteht bei der Population von Amöben. Hier sei noch etwas zur Konstruktion gesagt, die auf eine geometrische Figur zurück geht. Wenn Sie die 3 großen gelben Zentren miteinander verbinden, entsteht ein Dreieck. Die alten Meister konstruierten ihre Bilder gern nach der Geometrie.

Bild 10 – Odin. Ich komme nun zum Schluss. Sie sehen hier eine Darstellung eines komplexeren Archetypen, den des germanischen Gottes Odin. Die Götter in den verschiedenen Mythologien der Völker
sind alle Archetypen, also Verhaltensmuster der
Menschen. Sie sind Teil des kollektiven Unterbewussten. Wobei hier gesagt sein muss, erst kommen die Menschen, dann die Verhaltensmuster.
Odin wird einäugig und manchmal mit Maske dargestellt. Und so habe ich ihn auch interpretiert. Er war der Gott, dem höchste Weisheit zukam, und er war derjenige, der die Runen fand. Seine ihm zugeordneten Tiere waren u.a. zwei Raben, die übersetzt „Gedächtnis“ und „Gedanke“ hießen. Er schickte sie jeden Morgen aus, damit sie ihm alle Neuigkeiten aus der Welt brachten. In Klammern: Das Internet ist sehr viel älter als Sie glauben!
Odin trank regelmäßig aus der Quelle der Weisheit, die der Riese Mimir bewachte. Den Weisheitstrank gab es aber nicht umsonst, es musste ein Opfer gebracht werden. Odin gab für die Weisheit ein Auge hin, daher wurde er einäugig dargestellt.

Sie merken wohl schon, worauf ich hinaus will. Ich spreche von dem Archetypen, der meiner Empfindung nach von den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen dieses Breitengrades aus dem kollektiven Unbewussten geschöpft wird. Ich möchte Sie aber, ehe ich schließe, nicht mit dem Opfer und der Maskerade allein lassen, sondern Interpretationen liefern, denn schließlich ist das Opfer ein Symbol. Eine gut mögliche Interpretation wäre, dass die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in ihrem Tun genauer hinsehen müssen, um zur Wahrheit zu gelangen. Nur, wer zusätzliche Energie
aufbringt, um genauer hinsehen zu können, der findet die Runen, also die Zeichen, die die Welt beschreiben. Die Maskerade von Odin interpretiere ich so, dass es manchmal – für eine gewisse Zeit – angezeigt ist, die Wahrheit zu verbergen. Ich erinnere daran, dass die Erde einmal als eine Scheibe gesehen wurde. Ich erinnere an Namen wie Galilei, Kopernikus und vielleicht auch Boltzmann.
Verehrte Damen und Herren, ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.